Digitale Spiele bei Sony: Warum Sie für 70 Dollar nur eine Lizenz statt Eigentum erwerben
70 Dollar, kein Eigentum – Sony hat das digitale Goldene Kalb der Spielekultur entkernt, und jetzt klagt die Kundschaft zurück.

In einer Sammelklage vor dem Bundesbezirksgericht Nordkalifornien werfen vier PlayStation-Käufer Sony vor, beim Verkauf digitaler Spiele nicht ausreichend offenzulegen, dass der „Kauf" in Wahrheit nur eine Lizenz ist – ein befristetes Nutzungsrecht, das der Konzern jederzeit einschränken oder zurückziehen kann. Klingt nach PR-Sprech? Ist es auch. Und es hat Konsequenzen, die weit über eine einzelne Plattform hinausreichen.
Lizenz statt Eigentum: Das Gesetz kennt jetzt den Unterschied
Die Klage stützt sich auf den kalifornischen Consumer Safety Law-Paragraphen AB 2426 aus dem Jahr 2024, der Anbieter digitaler Güter explizit dazu verpflichtet, unmissverständlich darauf hinzuweisen, dass „Kaufen" oder „Erwerben" eines digitalen Produkts lediglich eine Lizenz bedeutet. Sony argumentiert in seinem Antrag auf Klageabweisung, dies sei über die Nutzungsbedingungen und Endbenutzer-Lizenzvereinbarung hinreichend kommuniziert worden – eine Position, die zwei der Kläger gleich elf Tage auseinander dasselbe Spiel erwerben ließ, ohne dass dies aus Sicht des Konzerns einen Widerspruch darstellt. Wer bitte schön glaubt noch, ein digitales Produkt zu besitzen? Sony jedenfalls offenbar nicht – und will uns das jetzt auch gerichtlich bestätigen lassen.
Dabei ist das kein rein juristisches Glasperlenspiel. GameStop wurde im Januar 2026 ebenfalls verklagt, weil die Verkaufsseite für Pokémon Legends: Arceus den Hinweis auf den Lizenzcharakter vermissen ließ. Steam hingegen hat – vermutlich proaktiv, nicht aus Einsicht – einen Warnhinweis im Warenkorb eingeführt. Sony schweigt dazu bislang.
Die schleichende Enteignung der Spielekultur
Dass ausgerechnet Sony hier den Gegenpol markiert, hat eine geradezu perverse Ironie. 2013 noch posierten die damaligen PlayStation-Executives Shuhei Yoshida und Adam Boyes in einem viralen YouTube-Clip damit, eine Spieleschachtel feierlich von Hand zu Hand zu reichen – ein Symbol für die Wertigkeit physischer Medien, inszeniert als Kontrast zu Microsofts damaliger Xbox-One-Politik, gebrauchte Spiele einzuschränken und Online-Zwang einzuführen. Dreizehn Jahre später kündigt Sony an, im Januar 2028 die Produktion physischer Discs für alle neuen PlayStation-Titel einzustellen. Rockstar Games zog im selben Sommer nach und bestätigte, dass GTA VI ausschließlich digital erscheinen wird.
Für mich als Kritikerin ist das kein Zufall, sondern die logische Endstufe einer Industrie, die ihren eigenen Core-Loop verraten hat. Der eigentliche Wert eines Kaufs war nie der Datenträger, sondern das Versprechen von Beständigkeit – dass mein Spiel morgen noch da ist, wenn der Anbieter morgen nicht mehr will. Wer dieses Versprechen systematisch aufkündigt, verkauft keine Spiele mehr, sondern Zugriffsrechte auf fremde Infrastruktur. Die 70 Dollar sind dann kein Preis, sondern eine Miete auf unbestimmte Zeit, getarnt als Investition in ein Hobby.
Was bleibt: Digitale Archipele und das Recht auf physische Resistenz
Die Klage ist laufend, ein Urteil steht aus. Bis dahin bleibt Spielern vor allem das Physische – und das ist kein nostalgisches Festhalten an Glanzzeiten, sondern schlicht die einzige verbliebene Eigentumsform. Solange Sony, Microsoft und Co. an dieser Lizenz-Realität festhalten, ist die Diskette, die Disc, die Cartridge kein Anachronismus, sondern subversive Verbraucherpolitik. Wer das Medium nicht besitzen darf, sollte es sich wenigstens leihen können – im Regal, zu Hause, ohne Zustimmung des Konzerns.